KAINSOLO

Ein(e) virtuelle(r) Dis-Tanz
von kainkollektiv, merighi I mercy & Zora Snake

Im kainsolo, das sich sowohl als „kein Solo“ zu hören als auch als „kains Solo“ zu lesen gibt, setzen die drei Tänzer*innen eine choreographisch-performative Konstellation in Gang, die sowohl künstlerisch als auch politisch die Zahlen 1, 2 und 3 (Solo, Duo, Trio) umspielt. Die deutsch-jüdische Philosophin Hannah Arendt formuliert in ihrem Denk-Tagebuch, dass es in der menschlichen Welt keine 1 gäbe, menschliches Leben begänne immer mit der 2, niemand könne allein leben. Doch mit der ersten nach-paradiesischen Geschichte im Alten Testament ist diese 2 gleich Anlass zu einem fundamentalen Verbrechen. Kain, der in kainsolo Ain (Eins, Einer, der Eine) heißen wird, hat seinen Bruder Abel (KAbel, der androide Widergänger Abels, ein Gespenst aus der Zukunft) erschlagen und sich in der Folge zum ersten Herrscher und (Städte-)Gründer gemacht. Er ist der Gründer des Theaters des weißen Mannes, wie er bis heute allerorten regiert – selbst im weißen Haus. Doch er ist in die Jahre gekommen, innerlich wie äußerlich am Ende, ein defekter Herrscher auf der Suche nach einem Exit aus seiner Herrschaft. Er wünscht sich seinen Bruder zurück, aber er hat vollkommen vergessen, wie das geht: mit den Toten reden, sich entschuldigen, aussteigen, Schluss machen. Er tanzt (s/k)ein Solo wie einen Totentanz, aber er weiß nicht mehr, wie das geht: sterben. Auf der Suche nach einer Wiederbegegnung mit dem toten Bruder/Sohn kommen die drei heute noch einmal zusammen: Auf einem virtuellen Feld zwischen Realität und Digitalität, in dem die Realität selbst bereits mit einem Virus des Verschwindens infiziert ist, beginnt ein provisorisches Ritual mit offenem Ausgang. Ein Ritual, das die Risse in der Wirklichkeit selbst sichtbar werden lässt.

Im Ringlokschuppen in Mülheim tanzen Merighi und Mercy – ehemalige Tänzer*innen der Pina Bausch Kompanie – per Stream verbunden mit Zora Snake, dem vielfach ausgezeichneten Tänzer und Festivalmacher, in einer Projektion, die uns geradewegs aus Kamerun erreicht. Dort hätten wir mit „kainsolo“ eigentlich auf der Bühne gestanden. Doch die Zeit trennt uns, trennt die Körper und Räume voneinander und macht die Gräben sichtbar, die schon viel länger existieren und über die hinweg wir einen ersten Dis-Tanz probieren wollen, auf unsicherem Grund. Wie kann man übers Internet und über Kontinente hinweg miteinander tanzen? Wie aufeinander sich beziehen/reagieren, wenn 4.000 Kilometer zwischen den Performer*innen liegen? Und was gibt es zu sagen, zu berichten, zu thematisieren, wenn die im Live-Videostream erscheinenden Körper in den jeweils spezifisch aufgeladenen Kontexten ihrer Räume, Länder, Kontinente getrennt voneinander und zugleich gemeinsam im digitalen space des Internets erscheinen? Wie können wir zusammen virtuell entlang der „spaceways“ reisen, von denen Sun Ra schon in den 1970er Jahren afrofuturistisch sang und philosophierte, wenn die Gegenwart selbst sich angesichts eines unsichtbaren und kriegerischen „Theaters der Viren“ (Heiner Müller) heute virtualisiert, dematerialisiert, zurückzieht, uns attackiert?

20. November 2020 um 20 Uhr auf Youtube. HIER geht es zum Stream.

 

Von und mit: Pascal Merighi, Thusnelda Mercy, Zora Snake, Rasmus Nordholt-Frieling, Pascal Gehrke, Nils Voges, Mirjam Schmuck, Fabian Lettow
Eine Koproduktion mit dem Ringlokschuppen Ruhr und dem MODAPERF-Festival Kamerun.  
Gefördert durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen und den Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.