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Im Zwischen-Raum – kainkollektivs künstlerische Suchbewegungen

Fabian Lettow: Was ist das künstlerisch Besondere an der kainkollektiv-Arbeitsweise?

Mirjam Schmuck: Für mich bleibt ein Begriff, den wir jetzt schon seit zehn Jahren, seit der ersten Spitzenförderung 2012 nutzen, wenn wir unsere Arbeiten umschreiben, zentral: die »theatrale Partitur«. Das liegt sicher auch daran, dass ich aus der Musik komme und einen starken musikalischen Zugang habe. Ich meine mit theatralen Partituren, dass wir interdisziplinär mit unterschiedlichen ästhetischen Zugängen arbeiten: Wir haben eigentlich immer Tänzer*innen, Musiker*innen, Medienkünstler*innen, Performer*innen, Schauspieler*innen, Sänger*innen zusammen auf der Bühne. Und diese sind wie in einer Partitur angeordnet –geschichtet, bei-und miteinander –und ermöglichen damit verschiedene Zugänge zu unseren Arbeiten. Mir ist besonders wichtig, dass wir den Zugang zu unserer Arbeit nicht stark vorgeben: Es ist nicht »nur« die Narration oder »nur« die Bewegung oder Musik. Auch wenn unsere Arbeiten eine gewisse Komplexität haben, bieten sie die Chance, dass jede*r einen eigenen Zugang findet über die verschiedenen Medien und Sprachen, die sich da zusammenfügen und gemeinsam eine Narration versuchen. Es hat vielmit dem eigenen Zutrauen der Zuschauer*innen und Zuhörer*innen zu tun. Da liegt auch das ästhetisch Besondere: Wir geben verschiedene Zugänge ohne eine Blicklenkung, also eine Accessibility durch verschiedene Medien, Lese-und Hörangebote. Wie würdest du es beschreiben?

F: Ich würde es ergänzen und nochmal auf den Produktionsprozess beziehen. Ein einfaches Wort, das wirklich relevant in unserer Arbeitsweise ist, ist das Wort »zwischen«. Es geht ganz stark darum, dass das, was wir als künstlerische Arbeit realisieren, zwischen verschiedenen Kontexten, Orten, Disziplinen, Themen, Sprachen, Hintergründen und Herkünften passiert. Das ist immer mehr eine Methode, die im Machen, im Werden ist. Sie folgt nicht einem vorher ausgedachten Konzept, sondern ist eine Praxis, in der die Ensembles so heterogen sind, wiedu es beschrieben hast, was von vornherein eine Hybridisierung erzeugt, weil wir verschiedene Zugänge haben. Und so reisen wir los, von einem Ort A, meist ist das irgendwohier, von wo wir kommen, NRW, Bochum, Mülheim, Berlin, an einen anderen Ort B und der kann heißen: Polen, Kamerun, Madagaskar, Sarajevo. Und kann auch thematisch völlig unterschiedliche Aufladungen haben: die Kolonialgeschichte und das Erbe Europas z.B. oder die Frage von Mutterschaft und (post-)feministischer Oper. Und die Stücke entstehen dann unterwegs: in einer Art kollektivem und globalen ‚Road Theatre‘, das beständig an der Möglichkeit von Grenz-Überschrei(t/b)ungen arbeitet.

M: Neben dem gemeinsamen Reisen geht es darum Dinge zuzulassen, also Zufälle, all das, was unterwegs passiert, was in den Prozessen unvorhersehbar war. Wir lassen auch passieren und wollen Erfahrungsräume entstehen lassen, bei denen wir nicht vorher wissen, was geschehen wird. Unsere Konzepte sind nicht starr. Diese Räume zu schaffen, ist ein zentraler Punkt, im besten Falle auch im Sinne von Empowerment Spaces, in denen Begegnungen, Themen, Künstler*innen und Erfahrungen in Austausch kommen. Da knüpft auch die Frage an, ob wir einen gesellschaftlichen Veränderungsanspruch an unsere Kunst stellen und welchen.

F: Als weiße deutsche/westeuropäische Künstler*innen –womit permanent diverse Privilegien und daraus erwachsende Verantwortungen einhergehen – würde ich sagen, dass dieses Sichtbarmachen der Tatsache, dass –egal wo wir uns heute befinden und wo wir herkommen –eine Art von Verbindung zu allen anderen Orten auf der Welt besteht und wirin Geschichten miteinander zusammenhängen, die wir vielleicht nicht kennen, in Bezügen, dieallerdings häufig gewaltsam sind, dass dies unser Anspruch ist. Und diese Gewalt spiegelt auch Hierarchien, Vorurteile, Abhängigkeitsverhältnisse wider. Als aus Deutschland kommende Künstler*innen finden wir überall auf der Welt ein Goethe-Institut, mit dem wir kooperieren können. Was für uns ein Privileg ist, ist für die Künstler*innen vor Ort oft eine Fortsetzung von Abhängigkeitserfahrungen. Dessen müssen wir uns bewusst sein.“

[Auszug aus dem kainkollektiv (Selbst-)Interview, das in der vom Fonds Darstellende Künste herausgegebenen Publikation „Transformationen“ im Juli 2021 erschienen ist.]

Das international arbeitende Künstler*innen-Team kainkollektiv, das im Kern aus MIRJAM SCHMUCK und FABIAN LETTOW besteht, arbeitet seit 2009 in unterschiedlichen Kollaborationen an theatralen Partituren zwischen Theater, Installation, Performance und „Artivismus“. Diese Kollaborationen, von Berlin und NRW aus bis nach Polen, Kroatien oder Kamerun, Madagaskar und Griechenland sind einem Theater der Zeit-Genoss*innenschaft verschrieben. Die Arbeit in internationalen (Ko-)Produktionen –den musiktheatralen, doku-fiktionalen GLOBE OPERAS, einem von kainkollektiv erfundenen, auf ausgiebigen Recherchen basierenden Performance-Format –ist zentraler Bestandteil der Arbeitsweise.

Seit 2019 leiten sie gemeinsam mit 4 Künstler*innen Gruppen das tak Theater Aufbau Kreuzberg Berlin in einer Kollegial-Kollektiven Arbeitsstruktur. Für seine Theaterarbeit insbesondere in NRW wird das kainkollektiv seit 2012 kontinuierlich mit der Spitzen-und Exzellenzförderung Theater NRW durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet. Außerdem erhielt es für die Jahre 2015-2017 und 2020-2022 die Konzeptionsförderung des Fonds Darstellende Künste. Das kainkollektiv wurde 2015 mit dem George Tabori Nachwuchsförderpreis ausgezeichnet. Die deutsch-kamerunische Produktion FIN DE MISSION von kainkollektiv und dem kamerunischen OTHNI über das „Gedächtnis der Sklaverei“ wurde 2017 im Rahmen der internationalen Plattform „shifting perspectives“ des Goethe Instituts zum Berliner Theatertreffen, zum IETM Festival nach München und zum MESS Festival in Sarajevo eingeladen. Gemeinsam mit dem Jungen Theater in Bremen erhielten sie für die GLOBE OPERA-Reihe „OF COMING TALES“ eine Förderung im Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes.

Im Juni 2020 hatten sie Premiere mit ihrem online Stück „GAIA-PROJEKT“ in Kooperation mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen, das in die Short-List des nachtkritik-Theatertreffens gewählt wurde. Eine der jüngsten Kreationen BLACK EURYDICE entstand mit einem Künstlerinnen-Team aus Afrika Europa, Iran & Kanada, das mit der Serie GAIA (2020) und KASSIA (2021) und dem Hörspiel „DIE RÜCKKEHR DER KÖNIGSTÖCHTER“ (2023) neue feministische Ästhetiken und Narrationen für das post-pandemische Theater erforscht. In diesem Kontext ist auch die Website www.kassia-archive.org entstanden. Hier arbeiten über 150 Künstler*innen, Aktivist*innen, Researcher*innen und Student*innen, über die byzantinischen Autorin und Komponistin KASSIA und teilen ihre eigenen feministischen Arbeiten und Praktiken. Nach einem Jahr Recherche in Athen (2022-23) erprobt das kainkollektiv zurzeit ein „NEW ANCIENT THEATER“, das die Zusammenkunft und Versammlung im Theater und seine Umweltlichkeiten neu definiert