Skinology –
58 Indizien über den Körper

Aber die Wahrheit ist die Haut. Sie liegt in der Haut, sie häutet: authentische exponierte Ausdehnung, ganz nach außen gekehrt, während sie zugleich das Innere umhüllt, den mit Blähgeräuschen und Gestank gefüllten Beutel. Die Haut berührt und lässt sich berühren. Die Haut liebkost und schmeichelt, verletzt sich, schrammt sich, kratzt sich. Sie ist reizbar und erregbar. Sie sonnt sich, nimmt Kälte und Hitze, Wind und Regen auf, sie trägt Spuren von innen – Runzeln, Flecken, Warzen, Kratzwunden, und Spuren von außen, teils dieselben, oder auch Risse, Narben, Verbrennungen, Schnitte. (aus: Jean-Luc Nancy, 58 Indizien über den Körper)

Kollektive Lektüre der individuellen Haut-Protokolle: Sammeln der Indizien, die eine Lösung dafür bereithalten, was hier, heute und jetzt der Fall ist. Kriminologische Spurensuche. Gibt es eine Lösung? Gibt es einen Fall? „Ich muss sichtbar sein, ich muss mich verkaufen, ich muss eins sein!“ Hysterische Panik-Subjekte, die ihre sichtbare Haut zu Markte tragen, sie den Werbeoberflächen beständig anpassen. Wie entkommt man dem Diktat des Visuellen? Wunsch nach Berührung ohne Kontrollfunktion. Unsere Haut verzeichnet Anti-Biografien: eine Schrift, die Spuren des Selbst im Fleisch, auf der Haut, im Gedächtnis des Körpers hinterlässt, ohne eine feste Kontur zu stabilisieren, die Ich heißen soll. Stattdessen: Häutungen, Faltungen, Beats, die sich unter die Haut schieben, Grenzgänge, Durchlässigkeiten, Trennungen, Berührungen. In welche Geschichte(n) sind wir eingenäht? Was lässt die Blase platzen? Ein Schimmern gleitet über die hellen Oberflächen der Körper: Projektionen aus einer Gegenwart, die nie die unsere war. Eine Frage drängt und windet sich unter den Oberflächen: Was trennt uns von unserer Zukunft?

Im ersten Teil der Tanz-Performance-Serie „Skinology – 58 Indizien über den Körper“ von kainkollektiv & Gudrun Lange erforschen Tänzer, Musiker und Performer mit ihren Körpern die Grenzgebiete der Haut in stofflichen, musikalischen, bildlichen und textlichen Arrangements, um die persönlichen und politischen Spuren aktueller Identitätspolitiken zu entziffern.

Konzept kainkollektiv (Schmuck/Lettow) & Gudrun Lange Inszenierung kainkollektiv (Schmuck / Lettow) Kostüm Lisa Frieling Regiemitarbeit Judith Weißenborn Mit Aleksandra Borys, Sanja Frühwald. Bianca Künzel, Rasmus Nordholt, Michael Taylor, Alfredo Zinola Fotos Lisa Frieling
„Skinology“ ist eine Koproduktion von Ringlokschuppen Mülheim, Forum Freies Theater Düsseldorf und Pumpenhaus Münster. Gefördert durch die Kunststiftung NRW, die Ministerin für Familie, Kinder und Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW, das Landesbüro Freie Kultur NRW und das NRWKULTURsekretariat